Ich halte wenig von Leitbildern, die sich selbst feiern. Was hier steht, ist keine Positionierung, sondern der Versuch Grundlagen zu formulieren.
Gemeinwohl vor Eigeninteresse
Ich bin mit einer Überzeugung aufgewachsen, die ich lange nicht benennen konnte und die mir erst durch das Studium – und noch früher durch die Tanzausbildung – in Begriffe gefasst wurde. Dass das, was einzelne leisten, erst im Zusammenwirken seine eigentliche intrigante Dimension entfaltet. Im Ballett tanzt jede für sich. Die Koordinaten stimmen, die Technik ist präzise, die Ausführung makellos – und trotzdem entsteht die Komposition nur, wenn alle gleichzeitig da sind, aufeinander hören, füreinander Raum lassen. Das ist keine Metapher, sondern eine eine strukturelle Erfahrung.
Was ich daraus ziehe lautet: Solidarität ist kein Verzicht. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass etwas gelingt, das größer ist als das Individuum allein. Die Soziallehre hat mir dafür das Fundament gegeben, denn Gemeinwohl und Solidarität sind als Prinzipien universell. Nicht weil sie schön klingen, sondern weil sie beschreiben, wie Gesellschaft funktioniert, wenn sie es tut.
Sprache evoziert. Sie ist nie neutral. Wer formuliert, trifft Entscheidungen darüber, was gehört wird – und was nicht, wer sichtbar ist und wer unsichtbar bleibt. Sprache, die im Dienst von Partikularinteressen steht, die sich als Allgemeines verkleidet, ist das Gegenteil von dem, wofür ich arbeite. Papst Leo XIV ruft zu Gemeinschaft auf und befasst sich mit der Art wie wir Menschen miteinander umgehen und kommunizieren sollten.
Kraft im Kollektiv
Es gibt eine Vorstellung, die ich für falsch halte: dass Stärke im Rückzug entsteht, im Alleingang, in der Abgrenzung vom anderen. Ich habe sieben Jahre lang gelernt, dass das Gegenteil gilt – dass Präzision und Kraft, die man für sich entwickelt, erst dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn sie in ein Kollektiv eingebracht werden, das seinerseits auf sie wartet. Das Kollektiv ist keine Einschränkung des Individuums. Es ist der Ort, an dem das Individuum erst vollständig werden kann.
Was das für Kommunikation bedeutet, ist nicht schwer zu denken, aber schwer umzusetzen: dass öffentliche Sprache – parlamentarische Sprache zumal, die im Namen von vielen gesprochen wird – nicht dem Eigeninteresse dienen darf, das sich als Gemeininteresse ausgibt. Dass Zugänglichkeit kein Zugeständnis ist, sondern eine Anforderung. Dass Verständlichkeit Arbeit kostet, die es wert ist.
Das ist, in knapper Form, was mich leitet. Ich habe es nicht als Programm beschlossen. Ich habe es im Probenraum gelernt, am Bühnenrand erlebt und am Schreibtisch wiedergefunden – in jeder Formulierung, die entweder trägt oder nicht trägt. Was trägt, trägt für alle. Was nur für einen trägt, trägt nicht weit.
