47 Stunden Bühnenkunst
Bühnenleben lässt sich zählen – aber was zählt, wenn man gezählt hat? Eine kuratorische Bilanz zwischen Forsythe und Fegefeuer, Beckett und Bowie.
Ein gelber Zug der älteren Baureihe rollt in den U-Bahnhof Museumsinsel ein. Die U5 – laut, vertraut, ohne Selbstbewusstsein. Nach einigen Windungen öffnet sich der Gang zur Oberfläche, und wer auf der Rolltreppe steht, die sich auf den Boulevard Unter den Linden schiebt, hat für einen knappen Moment einen fast kinematografischen Blick: eine langsame Fahrt an herrschaftlichen Fassaden entlang, hell ausgeleuchtet, obwohl der Abend längst dunkel ist. Der Weg führt dann schnell zur Hausnummer 7. Die Staatsoper. Hier lagen in diesem Jahr einige der dichtesten Abende.
Manche Beschäftigungen lassen sich nicht zählen. Theater gehört eigentlich dazu – und trotzdem habe ich es getan. 47 Stunden hinter Bühnenportalen, in Parkett und Rang, Großes Haus und Tischlerei, vier Häuser, 23 Aufführungen. Kein Algorithmus hat sie mir empfohlen. Statt eines „Spotify Wrapped“ also eine Art Bühnenprotokoll – mit dem Unterschied, dass hier keine Wiedergabezahl zählt, sondern Anwesenheit.
Sprechtheater und Oper
Das Berliner Ensemble hat mit zwölf Abenden den Löwenanteil. Keine Absicht dahinter, eher Gravitationskraft. Das Programm unter Oliver Reese zieht – auch wenn es bisweilen mehr riskiert als einlöst. Warten auf Godot stand für kanonische Schwerarbeit, Mein Name sei Gantenbein für etwas Eigenwilligeres, nicht immer Eingelöstes.
Und dann die Dreigroschenoper – das BE ist das Haus, in dem man sich mit Brecht in diesem Jahr am sichersten fühlte. Das ist kein Widerspruch, es ist die Logik eines Repertoiretheaters, das seinen Gründungsautor als einzigartige Ressource für Neuerung begreift und nicht als Last.
Forsythe und Tschaikowski
Schwerer zu beschreiben ist das Tanzjahr. Der Forsythe-Abend an der Deutschen Oper gehörte zu jenen Abenden, die den Blick verändern. Choreografie als propädeutisches Mittel – Sehen lernen, bevor Sehen gezeigt wird. Daneben, wie ein anderer Kontinent: Schwanensee an der Staatsoper, von fast ostentiver Vollkommenheit, ohne jeden Entschuldigungsbedarf. Zwischen diesen Polen. Das ist nicht wenig.
Drei Opernabende und die Dreigroschenoper sind echte Ereignisse. Chowanschtschina im November. Mussorgskis fragmentarisches Spätwerk – postum instrumentiert, nie ganz abgeschlossen, Torso der russischen Musikgeschichte – verlangt von Spielzeiten eine bestimmte Bereitschaft: fünf Akte als Zumutung und Geschenk zugleich zu begreifen. Die Staatsoper war bereit. Drei Stunden dreißig Minuten, die keine Länge hatten.
Das waren 47 Stunden allein, mit Bekannten, lieben Freunden und meinem Liebsten. Was davon bleibt, lässt sich nicht bilanzmäßig ausweisen. Der Abend ist immer das Original, jede Beschreibung eine Abbreviatur – und trotzdem: das Zählen hat seinen Sinn. Nicht als Leistungsausweis. Als Haltung. Eine, die das Ephemere für aufbewahrungswürdig hält, die in der Entscheidung für den Theaterabend eine Entscheidung gegen das bloß Archivierbare sieht. Eine kalorische Verschwendung. Die sich lohnt.
23 Std. 30 Min.
15 Std. 16 Min.
8 Std. 25 Min.
| Stück | Bühnenkunst | Ort | Rollen |
|---|---|---|---|
| Liliom | Theater | Berliner Ensemble | 8 |
| Spielzeit Matinée | Theater | Berliner Ensemble | — |
| Brechts Gespenster | Theater | Berliner Ensemble | 4 |
| Es kann doch nur noch besser werden | Theater | Berliner Ensemble | 7 |
| Warten auf Godot | Theater | Berliner Ensemble | 6 |
| Die Heilige Johanna der Schlachthöfe | Theater | Berliner Ensemble | 5 |
| Die Dreigroschenoper | Theater | Berliner Ensemble | 9 |
| Was ihr wollt | Theater | Berliner Ensemble | 10 |
| Ein wenig Licht. Und diese Ruhe. | Theater | Berliner Ensemble | 1 |
| Mutti was machst du da? | Theater | Berliner Ensemble | 7 |
| Mein Name sei Gantenbein | Theater | Berliner Ensemble | 1 |
| Heroes | Theater | Berliner Ensemble | 5 |
| Ein Sommernachtstraum | Tanz | Deutsche Oper Berlin | |
| Schwanensee | Tanz | Staatsoper Unter den Linden | |
| William Forsythe | Tanz | Deutsche Oper Berlin | |
| Ballett Gala | Tanz | Staatsoper Unter den Linden | |
| Dogs & Gods | Tanz | Staatsoper Unter den Linden | |
| Chicxulub oder der Floh des Teufels | Tanz | Deutsche Oper Berlin | |
| Minus 16 | Tanz | Deutsche Oper Berlin | |
| Wunderkammer | Tanz | Komische Oper / Schillertheater | |
| Tosca | Oper | Staatsoper Unter den Linden | |
| Chowanschtschina | Oper | Staatsoper Unter den Linden | |
| La Bohème | Oper | Staatsoper Unter den Linden |


